Humanitäre Lage in Syrien

ZDF Volle Kanne vom 23. April 2021:

Seit rund 10 Jahren wütet ein Bürgerkrieg in Syrien: Flucht, Vertreibung, Hunger und Sterben gehen im Nahen Osten unvermindert weiter. Wie steht es um die humanitäre Hilfe vor Ort, gerade in Pandemiezeiten? Mediziner Dr. Michael Wilk berichtet.

8 min , Video verfügbar bis 23.04.2023

https://www.zdf.de/verbraucher/volle-kanne/humanitaere-lage-in-syrien-100.html

Nothilfe in Nordsyrien – „Sogar eine Hühnerfarm wird Corona-Klinik“

Datum:
22.04.2021 18:59 Uhr

Unter Kriegsbedingungen und mit äußerst limitierten Mitteln leisten Mediziner im Nordosten Syriens Corona-Nothilfe. Der deutsche Arzt Michael Wilk unterstützt sie vor Ort.


https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/corona-nordsyrien-notsituation-wilk-100.html?fbclid=IwAR0qTpYQr607hNQuw-0mN7f_Hy9WdDezQuZdqRQUNCZg_QEf59vgAQSZIkw

Dr. Michael Wilk 20. April 21 Haseke Nord/Ostsyrien Rojava

„Dicht neben der Corona-Kinik Washokani befindet sich ein Camp für Geflohene. Hier leben 14.000 Menschen in Zelten unter widrigsten Bedingungen. Ebenfalls bei Haseke, Großstadt/Umland mit ca. 1 Million Einwohner*innen, liegt ein weiteres Camp, Serekaniye mit 11.000 Bewohner*innen. Dieses zweite Camp ist benannt nach der Stadt gleichen Namens, die im Oktober 2019 von türkischer Armee und islamistischen Truppen des  Präsidenten Erdogan erobert wurde. Serekaniye war eine schöne, mehrheitlich kurdisch bewohnt Stadt, direkt an der Grenze der Türkei gelegen. Auf der anderen Seite der politischen Demarkationslinie leben ebenfalls kurdische Menschen, getrennt von ihren Verwandten in Syrien, durch eine von Siegermächten nach dem Ende des osmanischen Reichs gezogene Grenze….“ https://aku-wiesbaden.info/4-bericht-rojava-syrien-von-dr-michael-wilk/ 

Rojava Nord/Ostsyrien 20. April 21 Dr. Michael Wilk, Situation der Geflohenen in Haseke und die herrschende Coronapandemie

https://www.youtube.com/watch?v=NoVm7juAFCM

Allein in den Camps Washokani und Serekaniye bei Haseke leben immer noch 25.000 Geflohene.
Vertrieben wurden sie durch die Invasion der türkischen Armee auf Befehl Erdogans im Oktober 2019. Zusätzlich ist die Lage der Menschen durch die Coronapandemie belastet. Impfstoff fehlt.

Dr. Michael Wilk, April 2021, Rojava Nord/Ostsyrien Prothesenprojekt

„Danke! Ich übermittle hiermit erneut herzliche Grüße und Dank aus Rojava. Durch eure/Ihre solidarische Hilfsbereitschaft war es möglich erneut Geld an den Kurdischen Roten Halbmond (Heyva sor a kurd) kurdish-red-crescent zu übergeben. Die nunmehr insgesamt 51.400€  finden ihre Verwendung in der Errichtung eines neuen Prothesenzentrums in Qamislo. 

Bei tausenden geschädigten Kriegsopfern ein dringendes Projekt. Die bestehenden Kapazitäten reichen bei weitem nicht. Auf ca 11.000 Tote und über 20.000 Schwerverletzte werden allein die Opfer im erfolgreichen Kampf gegen den IS in Rojava/Nord-Ost-Syrien geschätzt. Weitere Menschen wurden durch die immer noch erfolgenden Angriffe türkisch-islamistischer Truppen verletzt und verstümmelt. Der Kurdische Rote Halbmond geht von einigen tausend Menschen aus, die auf die Versorgung mit Prothesen angewiesen sind, darunter auch viele Kinder und Jugendliche….“ weiter https://aku-wiesbaden.info/3-bericht-rojava-syrien-prothesenprojekt-qamislo/

Eure Spende für den kurdischen roten Halbmond, Heyva sor a kurd (Hsak) und für die Unterstützung der Menschen in Rojava kommt zu 100% an: Dr. M. Wilk „Gesundheitsaufbau“, IBAN DE77510500150173070939 BIC NASSDE55XXX

Dr. Michael Wilk, 15. April 21, Rojava Nord/Ostsyrien Corona Situation

https://www.youtube.com/watch?v=732b5Solekc

Corona Krankenhaus des #Kurdischen_Roten_Halbmonds bei Haseke. Die Mitarbeiter*Innen von #Heyva_sor_a_kurd#kurdish_red_crescent arbeiten unter höchstem Einsatz an der Rettung der Erkrankten. Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten sind aufgrund der allgemeinen Lage eingeschränkt. Geimpft ist niemand, Vaccine wird dringend benötigt.

Dr. Michael Wilk 14.4.21 Haseke Nord/Ostsyrien #Rojava


„Seit April steigen die Infektions- und Erkrankungsraten rapide. Ich bin in der Corona-Klinik des Kurdischen Roten Halbmonds in Haseke. Die Klinik wurde schon im Laufe des letzten Jahres eingerichtet um der Pandemie begegnen zu können. In der Not wurde eine ehemalige Hühnerfarm gereinigt und umgebaut. Ein Trakt dient zur Aufnahme,  bei positivem PCR Test werden Erkrankte in den anderen verlegt. Von 85 Betten sind zzt. 36 mit schwer erkrankten Patien*innen belegt. Schwestern, Pfleger und Kolleg*innen arbeiten im Schichtsystem rund um die Uhr, wie üblich. Der Bitte den hier tätigen Kolleg*innen beratend zur Seite zu stehen komme ich gerne nach, muss jedoch schnell feststellen, dass die therapeutischen Spielräume völlig ausgereizt sind. Meine jahrelange Intensiv- und notfallmedizinische Erfahrung nutzt nichts, alle arbeiten bereits am Limit der Möglichkeiten…“ https://aku-wiesbaden.info/2-bericht-aus-rojava-syrien-von-dr-michael-wilk/

Aktueller Bericht aus Rojava/Syrien von Dr. Michael Wilk

Dr. Michael Wilk, Qamislo/Haseke 13.4.2021

Die Anreise in die demokratische Föderation Nordostsyrien war unter Coronabedingungen noch komplizierter als gewohnt. Nun bin ich vor Ort, die Wiedersehensfreude mit den Freund*innen des kurdischen Roten Halbmonds (Hsak) ist groß. Seit 2014 unterstütze ich die Arbeit dieser NGO, die sich im Laufe derJahre von ca. 50 Menschen auf über 2000 Aktive erweiterte. Diese leisten ausgezeichnete und unentbehrliche Arbeit, betreiben das Rettungswesen, Kliniken und Ambulatorien. Heyva sor a kurd arbeitet hierbei unabhängig, aber in enger Koordination mit der Gesundheitsselbstverwaltung der Region Rojava. Dem Gebiet im Norden Syriens, das unter großen Anstrengungen versucht einen eigenen selbstbestimmte Weg zu gehen, geprägt von basisdemokratischen Prinzipien und der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die  Bevölkerung behauptete sich nicht nur gegen den mörderischen Islamismus des IS, sondern wahrt Distanz und Opposition gegenüber dem totalitären Assad-Regime. Als propagandistisches Hass-Objekt des türkischen Erdogan-Regimes ist die mehrheitlich kurdische aber auch multiethnische Region seit Jahren den Attacken und Invasionen der türkischen Armee ausgesetzt. Das Leben in Rojava leidet unter Krieg, Vertreibung und der z.T. immer noch zerstörten Infrastruktur. Zusammen mit der angestammten Bevölkerung leben abertausende Menschen, die aus anderen Teilen Syriens hierher flohen. Die Perspektive der Menschen, v.a. der Kinder und Jugendlichen, ist angesichts dieser Bedingungen extrem schwierig, der Wiederaufbau von Schulen und Universitäten erfordert großen Einsatz und Kreativität. Nun belastet zusätzlich Corona den Lebensalltag der Menschen. Die Pandemie zwingt, ausgelöst durch die aktuell extrem gestiegenen Infektionsraten, zu harten Konsequenzen. Die Großstädte Qamislo u Haseke sind im strikten Lockdown, Läden, Büros und Betriebe sind geschlossen, nur Lebensmittel und anderes Notwendiges ist zugänglich, die sonst von dichtem Verkehr belasteten Straßen der Großstädte sind gespenstisch leer. Das Wiederaufflammen der Seuche ist nicht nur auf diverse Feiern und Feste im März zurückzuführen, vermutet wird ebenso die möglicherweise aus dem Irak eingeschleppte britische Mutante. Die Corona Notrufzentrale des Kurdischen Roten Halbmonds ist rund um die Uhr besetzt, Teams arbeiten mit Hochdruck an der Bearbeitung der Anrufe. Im Falle klarer Krankheitsbilder erfolgt ein PCR Test, bei gesichertem Befund von Covid-19 bei weniger schweren Symptomen häusliche Quarantäne. Eine stationäre Versorgung ist möglich, „Coronabetten“ mit Sauerstoffflaschen, vielleicht 500 insgesamt, wurden an verschiedenen Schwerpunkten eingerichtet. Eine wahre Sisyphos-Aufgabe. Es wird versucht dem eklatanten Mangel an Geräten und medizinischen Material durch Enthusiasmus und Improvisation zu begegnen. Es fehlt jedoch an geeigneten Beatmungsgeräten und an spezialisiertem Personal. Niemand hier ist bislang geimpft- ich hingegen habe das Privileg des früh priorisierten mitteleuropäischen Notfallmediziners.  Bisher wurden weltweit ca. 2/3 der Vaccine an nur sechs Länder geliefert,  andernorts brennt die Luft, so auch hier: Vaccine werden dringend benötigt, Schnelltests sind nicht vorhanden, auch FFP-Masken sind Mangelware, Kolleg*innen arbeiten ohne Impfschutz mit hochinfektiösen Patient*innen. Es droht zudem ein Mangel an PCR-Tests. 

Es ist bitter, der Einsatz und die Verteilung der Vaccine spiegeln nicht zuletzt auch die weltweiten Macht-, Privilegien- und Herrschaftsverhältnisse wieder. Eine erste Lieferung der WHO soll im Mai in Syrien eintreffen, von denen ein Teil in den selbstverwalteten Gebieten Nordostsyrien zur Bekämpfung der Pandemie eingesetzt werden soll. Die Lieferung soll für gerade einmal 2% der Bevölkerung reichen und besonders gefährdete Personen vor Covid schützen. https://aku-wiesbaden.info/aktueller-bericht-aus-rojava-syrien-von-dr-michael-wilk/

Michael Wilk – Die EU macht sich mitschuldig, Rede Stuttgart 7.12.2019 „Für eine Welt in der niemand fliehen muss – Zeit zu handeln“

https://www.youtube.com/watch?v=aXla4RUuYYM

Die EU macht sich mitschuldig – In Stuttgart demonstrierten gut tausend Menschen für eine Welt, in der niemand fliehen muss Stuttgart. Ein breites Bündnis aus Klima- und Antikriegsgruppen, Gewerkschaften und weiteren Initiativen hatte am Samstag, 7. Dezember 2019, eine Demonstration in der Stuttgarter Innenstadt initiiert. Das Motto lautete: „Für eine Welt in der niemand fliehen muss – Zeit zu handeln“. Es beteiligten sich etwa 1000 Menschen. Auf der Abschlusskundgebung sprachen der Arzt Michael Wilk (…). Wilk war seit 2014 immer wieder in Rojava, zuletzt im Oktober dieses Jahres. Er berichtete von seinen Erlebnissen an der Front. Ziel der Türkei sei, die kurdische Selbstverwaltung in Rojava zu zerstören. Das türkische Vorgehen sei ein Kriegsverbrechen erster Güte. Wilk kritisierte sowohl die Europäische Union als auch die deutsche Regierung dafür, dass …. Weitere Infos unter https://beobachternews.de/2019/12/17/…

Deutsche Welle 31.10.19: Nordsyrien: „Es gab keine Waffenruhe“

Aus nächster Nähe hat der Arzt Michael Wilk in Nordsyrien den Angriff der Türkei auf die Kurdengebiete erlebt. Im DW-Gespräch berichtet er von Verletzten, Vertriebenen und großem Misstrauen, was die Zukunft angeht. https://www.dw.com/de/nordsyrien-es-gab-keine-waffenruhe/a-51064485

DW: Sie haben in einem Krankenhaus in Tell Tamer in Nordsyrien Verwundete versorgt. Tell Tamer liegt nur wenige Kilometer südlich der von der Türkei beanspruchten sogenannten Sicherheitszone.  Dort haben Sie die 150-stündige Feuerpause und auch deren Ende miterlebt. Was haben Sie dort beobachtet?

Michael Wilk: Wo wir waren gab es de facto keine Waffenruhe. Mit unserem Krankenhaus lagen wir am Anfang etwa 20 Kilometer, am Ende weniger als zehn Kilometer entfernt von der jeweiligen Frontlinie. Die Front kam näher. Das heißt: Die türkischen Truppen und ihre dschihadistischen Hilfstruppen am Boden waren bemüht, ihr Gebiet weiter auszudehnen. Tell Tamer ist strategisch wichtig. Zur Zeit ist die Stadt wohl noch in Händen der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten beziehungsweise der syrischen Einheiten, die da nachgezogen sind. Aber es gab keine Waffenruhe. Wir hatten die ganze Zeit über Schwerverletzte, Sterbende, auch Tote – sowohl unter den Selbstverteidigungskräften als auch unter der Zivilbevölkerung.

Nordsyrien - Arzt Michael Wilk behandelt verletzte
Michael Wilk engagiert sich seit Jahren für die Menschen in Nordsyrien wie hier in Tell Tamer

Am Dienstag gab es Berichte von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London über Kämpfe zwischen türkisch gesteuerten Milizen und den syrischen Truppen – auch in Tell Tamer.

Das fing schon an, als wir noch da waren. Es rückten syrische Truppen, Truppen des Assad-Regimes, nach in die Region – entsprechend diesem über die Köpfe der betroffenen Bevölkerung hinweg geschlossenen Abkommen zwischen Russland und der Türkei. Der Bericht, dass türkische Invasionstruppen mit Assad-Regimetruppen aneinandergeraten sind, ist authentisch.

Am Boden scheinen ja auf türkischer Seite weniger reguläre Truppen unterwegs zu sein als vielmehr türkisch unterstützte Milizen. Wie würden sie die beschreiben?

Ich war in den letzten Jahren häufig zur Notfallversorgung in der Region und glaube in etwa zu verstehen, was da sich vollzieht. Die Türkei setzt am Boden vor allem dschihadistisch-islamistische Hilfstruppen ein. Die rekrutiert sie aus dem Gebiet Idlib. Das wird noch gegen das syrische Regime verteidigt und von der Türkei unterstützt. In Idlib haben sich vor allem dschihadistische Gruppen festgesetzt. Dort wurden Kommando-Einheiten rekrutiert, um diese Invasion durchzuführen. Wenn ich sage dschihadistische Truppen, dann meine ich Kämpfer der ehemaligen Al-Nusra-Front – das sind Al-Kaida-nahe Truppen. Es sind aber auch ehemalige IS-Kämpfer darunter. Die kann man durchaus auf Bildern identifizieren. Das sind Leute, die haben an anderen Orten für den IS gekämpft, haben sich dann über die Türkei oder direkt nach Idlib in Sicherheit gebracht. Und jetzt nehmen sie auf türkischer Seite an der Invasion gegen die kurdischen Gebiete teil.

Sie haben vor eineinhalb Jahren auch den türkischen Einmarsch in Afrin aus nächster Nähe beobachtet. Wiederholt sich in ihren Augen diese Geschichte?

Afrin wurde damals von türkischer Seite bombardiert und von islamistischen Hilfstruppen gestürmt. Die Selbstverteidigungseinheiten dort flohen und auch die Bevölkerung. Ich war in dem angrenzenden Gebiet Sheba und habe gesehen, wie die Leute dort hausten. Inzwischen weiß man, dass die Türkei dieses Gebiet quasi annektiert hat mit türkischen Poststellen, türkischer Polizei, türkischen Lehrbüchern und Schulen. Da kann man sich vorstellen, was im schlimmsten Fall in dem Gebiet passiert, das jetzt von der Türkei und ihren Hilfstruppen erobert wird: dieses rund 120 Kilometer breite Gebiet zwischen Tell Abyad und Ras Al-Ain, etwa 30 bis 35 Kilometer tief ins Land hineinreichend.

Syrien Afrin Arabische Milizen Plünderungen
Türkisch unterstützte arabische Kämpfer plündern im März 2018 Geschäfte in Afrin

Wir haben als Ergebnis dieser Invasion jetzt 200.000 bis 300.000 Flüchtlinge. Und das in einer Region, die vorher relativ ruhig war. Nach der Zerschlagung des IS Jahr waren viele Menschen dabei, diesen Teil des Landes aufzubauen. Jetzt sind die Menschen in die angrenzenden Gebiete geflohen, hausen auf engstem Raum. Schulen sind besetzt. 70.000 Kinder können nicht zur Schule gehen. Es fehlt an vielem, an Nahrungsmitteln zum Teil, an einigen Orten sogar an Trinkwasser. Die medizinische Versorgung ist zunehmend schwierig, berichtet der kurdische Rote Halbmond. Diese Invasion hat eine Kaskade humanitären Desasters ausgelöst.

Wie viele und welche Menschen sind denn eigentlich noch zurückgeblieben und sind nicht geflohen vor den türkischen Truppen und Hilfstruppen?

Ich habe mit Kollegen geredet, die vorher im Krankenhaus von Serekaniye gearbeitet haben, das gehört zu dem eroberten Gebiet. Die Kollegen sind mit ihrer ganzen Familie mit Sack und Pack geflohen. Die haben berichtet: Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung ist dort geblieben. Weil im Grunde genommen jeder geflohen ist, der für diese selbstverwaltete Region in irgendeiner Form tätig war – ob das jetzt ein Straßenverkehrspolizist war oder ein Mensch in der Verwaltung war oder halt auch jemand, der im Krankenhaus gearbeitet hat  – speziell wenn er kurdischstämmig ist. Einige Leute meinen, man könnte mit der türkischen Besatzung leben und sind geblieben. Aber das ist eine ganz kleine Minderheit. Die müssen sich jetzt neuen Regeln unterwerfen. Von verschiedenster Seite wird berichtet, dass diese Regeln jetzt schon so aussehen, dass in bestimmten Städten Frauen wieder gezwungen werden in Schwarz zu gehen und sich zu verschleiern.

Irak Flüchtlinge aus Syrien nach Militäroffensive Türkei
Der türkische Einmarsch hat eine gewaltige Fluchtwelle ausgelöst – in einem zuvor relativ ruhigen Gebiet

Am Mittwoch haben in Genf Gespräche begonnen über eine künftige syrische Verfassung. Kurden dürfen daran nicht teilnehmen wegen türkischen Drucks. Interessiert dieser Prozess die Menschen in Nordsyrien überhaupt noch?

Große Hoffnung setzen die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, nicht auf diese Gespräche. Dass diese Region, wo kurdische Menschen versuchen mit Assyrern, Aramäern und Arabern in Eintracht zu leben und eine gemeinsame Verwaltung zu organisieren, nicht einbezogen wird, ist für die meisten dort schlechterdings ein Unding. Entsprechend misstrauisch beobachten sie, was in Genf passiert. Aber man versucht, Teile der Selbstverwaltung in die Zukunft hinüber zu retten. Was jedoch schwierig ist. Jetzt stehen wieder Truppen des Assad-Regimes in diesem Gebiet, die man in der Not gerufen hat. Das Assad-Regime ist bei den meisten Kurden nicht sehr beliebt. Man hat schlechte Erfahrungen gemacht. Dem Assad-Regime wird eine kurdische Autonomie-Zone vermutlich ein Dorn im Auge sein. Und wenn erst Idlib für Assad kein Problem mehr ist, muss man damit rechnen, dass er diese autonomen Zone zentralistisch nach Damaskus hin ausrichten wird. Die Fragen stellte Matthias von Hein.