Dr. Michael Wilk 14.4.21 Haseke Nord/Ostsyrien #Rojava


„Seit April steigen die Infektions- und Erkrankungsraten rapide. Ich bin in der Corona-Klinik des Kurdischen Roten Halbmonds in Haseke. Die Klinik wurde schon im Laufe des letzten Jahres eingerichtet um der Pandemie begegnen zu können. In der Not wurde eine ehemalige Hühnerfarm gereinigt und umgebaut. Ein Trakt dient zur Aufnahme,  bei positivem PCR Test werden Erkrankte in den anderen verlegt. Von 85 Betten sind zzt. 36 mit schwer erkrankten Patien*innen belegt. Schwestern, Pfleger und Kolleg*innen arbeiten im Schichtsystem rund um die Uhr, wie üblich. Der Bitte den hier tätigen Kolleg*innen beratend zur Seite zu stehen komme ich gerne nach, muss jedoch schnell feststellen, dass die therapeutischen Spielräume völlig ausgereizt sind. Meine jahrelange Intensiv- und notfallmedizinische Erfahrung nutzt nichts, alle arbeiten bereits am Limit der Möglichkeiten…“ https://aku-wiesbaden.info/2-bericht-aus-rojava-syrien-von-dr-michael-wilk/

Camp Al Hol, Rojava, 8/2019, Dr. Michael Wilk

https://www.youtube.com/watch?v=D-T7p_LvoYM

Situation im Camp f. Geflohene, Al Hol, Demokratische Föderation Nord/Ostsyrien, Rojava

Die Bedingungen im Camp Al Hol haben sich seit meinem letzten Aufenthalt Anfang des Jahres nicht geändert. Immer noch leben über 70.000 Menschen, davon extrem viele Kinder und Jugendliche, unter schwierigsten Bedingungen im Camp. Zur Zeit herrschen extreme Temperaturen über 40 Grad im Schatten. Schlimmer ist jedoch die Perspektivlosigkeit und der Mangel von Schulen und Weiterbildung. Ganz zu schweigen von einer notwendigen Auseinandersetzung mit der erlebten IS- Herrschaft.
In dem Lager für Geflohene befinden sich Opfer des IS, aber auch Tausende überzeugte IS-Anhängerinnen, die getrennt von ihren anderenorts inhaftierten Männern, auf engstem Raum lebend, die in ihren Köpfen verankerte IS-Ideologie hochhalten.
Die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln durch das UNHCR ist gesichert und NGOs wie der Kurdische Rote Halbmond, MSF, Cadus und Medico International geben ihr Bestes für die schwierige medizinische Unterstützung. Das existentielle Problem, wie mit sowohl den erlittenen Traumata, als auch der fixierten IS-Ideologie umzugehen ist, bleibt jedoch vorerst ungelöst. Das wiederum ist brandgefährlich. Denn ohne Schaffung von Perspektiven und ohne psycho-soziale Programme zur Auseinandersetzung mit dem IS, droht das Camp zu einem Reproduktionsort der faschistoid-islamistischen Ideologie zu werden.
Ein notwendiger erster Schritt wäre die Übernahme ausländischer IS-Angehöriger in ihre Herkunftsländer. Eine Aufgabe, vor der sich europäische Staaten drücken und damit die kurdische Selbstverwaltung einmal mehr alleine lassen.